KI direkt im Betriebssystem

Mit Windows 11 und der Einführung der sogenannten Copilot+ PCs setzte Microsoft auf eine enge Integration von Künstlicher Intelligenz direkt ins Betriebssystem. Anders als externe KI-Dienste wie ChatGPT läuft ein Teil dieser Funktionen direkt auf dem Gerät – sofern es über einen leistungsfähigen KI-Prozessor (NPU) verfügt.

Die Ankündigungen klangen verheißungsvoll: ein KI-Assistent, der den Bildschirminhalt versteht, intelligente Bildbearbeitung, automatische Zusammenfassungen. Doch gerade die am weitesten reichende Funktion – Recall – hat eine breite Datenschutzdebatte ausgelöst. Und seit Anfang 2026 ist klar: Microsoft selbst ist mit dem eingeschlagenen Weg nicht zufrieden.


Was sind Copilot+ PCs?

Den Begriff Copilot+ PC hat Microsoft 2024 eingeführt, um Geräte zu kennzeichnen, die bestimmte Hardware-Anforderungen für lokale KI-Berechnungen erfüllen. Kern dieser Anforderung ist ein leistungsfähiger KI-Prozessor, eine sogenannte NPU (Neural Processing Unit), der mindestens 40 TOPS (Trillion Operations Per Second) erreicht.

Aktuelle Copilot+ PCs kommen vor allem mit Qualcomm-Snapdragon-Prozessoren, Intel-Core-Ultra-Chips der neueren Generationen sowie AMD-Ryzen-AI-Prozessoren. Ältere Rechner – selbst wenn sie Windows 11 problemlos ausführen – erfüllen diese Anforderung in der Regel nicht und erhalten die neuen KI-Funktionen nicht oder nur eingeschränkt.

Das bedeutet: Die meisten heute genutzten Windows-PCs sind keine Copilot+ PCs. Viele der beworbenen KI-Funktionen sind daher für den Großteil der Nutzer derzeit noch nicht verfügbar.


Recall – die umstrittene Funktion

Recall ist die bekannteste und gleichzeitig umstrittenste KI-Funktion von Copilot+. Die Idee: Windows macht in regelmäßigen Abständen Screenshots des Bildschirms und analysiert deren Inhalt per KI. Daraus entsteht eine durchsuchbare Chronik der eigenen Computer-Aktivitäten – Microsoft nennt es ein „fotografisches Gedächtnis für Ihren PC".

Nach massiver Kritik – Sicherheitsforscher wiesen auf das enorme Datenschutzrisiko hin, und Behörden in mehreren Ländern leiteten Untersuchungen ein – verschob Microsoft den Start um über ein Jahr und überarbeitete das Konzept grundlegend. Im April 2025 erschien Recall schließlich, allerdings nur im Beta-Status und standardmäßig deaktiviert. Sicherheitslücken werden dabei noch immer entdeckt.

Stand März 2026 überdenkt Microsoft die Funktion erneut grundlegend – intern gilt Recall als gescheitert in seiner bisherigen Form. Berichten zufolge erwägt Microsoft sogar, den Namen „Recall" aufzugeben, da er zu stark mit negativen Schlagzeilen verbunden ist.


Weitere KI-Funktionen in Windows

Neben Recall bringt Copilot+ eine Reihe weiterer KI-gestützter Funktionen mit, die weniger kontrovers, aber dennoch erwähnenswert sind:

Cocreator in Paint

Die Windows-Anwendung Paint wurde um eine KI-Bildgenerierung erweitert. Nutzer können per Texteingabe Bilder erzeugen oder bestehende Zeichnungen KI-gestützt weiterentwickeln. Technisch basiert das auf dem Modell DALL-E von OpenAI – die Daten werden dabei an Microsoft-Server übertragen.

Live Captions mit Übersetzung

Windows kann bei Videos und Audiowiedergabe in Echtzeit Untertitel einblenden und diese gleichzeitig übersetzen – direkt auf dem Gerät, ohne Internetverbindung. Diese Funktion ist auch für Nutzer mit Höreinschränkungen interessant und gilt als vergleichsweise unproblematisch.

Generative Löschung in Fotos

Störende Objekte in Fotos können KI-gestützt entfernt und der Hintergrund automatisch aufgefüllt werden. Diese Funktion läuft lokal auf dem Gerät und erfordert keine Cloud-Verbindung.

Windows Copilot (Assistent)

Der KI-Assistent Copilot ist in Windows 11 verfügbar. Er beantwortet Fragen, hilft beim Schreiben und kann Systemeinstellungen öffnen. Im Hintergrund kommuniziert er mit Microsofts Cloud-Diensten. Im Zuge der 2026er Kurskorrektur wird die Copilot-Präsenz in System-Apps reduziert.

Click to Do

Eine Funktion, die Bildschirminhalte analysiert und kontextbezogene Aktionen vorschlägt: Text aus Screenshots kopieren, Bilder mit KI bearbeiten, Links direkt öffnen. Setzt einen Copilot+ PC voraus und ist eine der wenigen KI-Funktionen, die Microsoft aktuell aktiv weiterentwickelt.


Datenschutz und Kritik

Transparenz

Für viele Nutzer ist schwer nachvollziehbar, welche Daten das System wann erfasst, wo sie gespeichert werden und ob sie das Gerät verlassen. Microsofts Kommunikation dazu war in der Vergangenheit nicht immer klar, was das Vertrauen belastet.

Zwangsintegration ohne Abschaltmöglichkeit

Einige KI-Funktionen ließen sich lange nicht oder nur mit erheblichem Aufwand deaktivieren. Der Copilot-Assistent war zeitweise nicht vollständig entfernbar. Viele Nutzer empfanden es als übergriffig, wenn Funktionen standardmäßig aktiv waren oder sich nach Updates selbst wieder aktivierten.

Nutzen vs. Aufwand

Ein weiterer Kritikpunkt ist pragmatisch: Die meisten der beworbenen KI-Funktionen lösen Probleme, die für die Mehrheit der Nutzer keine spürbare Rolle spielen. Gleichzeitig erfordern sie leistungsfähige und teure Hardware. Der tatsächliche Alltagsnutzen für Normalanwender ist bislang überschaubar.


2026: Microsoft rudert zurück

Anfang 2026 vollzog Microsoft eine bemerkenswerte Kehrtwende. Nach monatelangem Nutzerwiderstand gegen KI-Überfrachtung – und nachdem Windows 11 laut Branchenbeobachtern seinen schlechtesten Ruf in der Geschichte des Produkts erreicht hatte – gab das Unternehmen offiziell zu, dass Windows 11 vom Kurs abgekommen war.

Die konkreten Änderungen, die Microsoft im März 2026 ankündigte:

  • Copilot wird aus mehreren Apps entfernt – darunter Fotos, Widgets, Notizblock und Snipping Tool. Microsoft will KI nur noch dort einsetzen, wo sie „wirklich nützlich" ist.
  • Mehrere geplante Copilot-Integrationen wurden gestrichen – Copilot in Benachrichtigungen, in den Einstellungen und im Datei-Explorer kommen in der ursprünglich angekündigten Form nicht mehr.
  • Recall wird grundlegend überarbeitet – intern gilt die bisherige Umsetzung als gescheitert. Microsoft erwägt sogar, den Namen aufzugeben.
  • Qualität vor KI-Features – Microsoft kündigt für 2026 einen Fokus auf Stabilität, Leistung und grundlegende Zuverlässigkeit an.

Bemerkenswert ist, dass AI-Funktionen weiterhin in Windows integriert werden – nur ohne das Copilot-Branding und weniger aufdringlich. Semantic Search in den Einstellungen oder KI-Aktionen im Datei-Explorer gibt es bereits, aber sie werben nicht mit dem Copilot-Namen.


Fazit

Die Geschichte von Copilot+ und Recall in Windows ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn ein Unternehmen technologische Trends aggressiver verfolgt als der Nutzer es wünscht. Microsoft hat mit Recall ein echtes Datenschutzproblem geschaffen, dieses Problem unterschätzt, zu spät reagiert – und zahlt nun den Preis in Form von Vertrauensverlust und einer öffentlichen Kurskorrektur.

Für normale Nutzer bedeutet das: Die meisten der umstrittenen KI-Funktionen betreffen sie entweder gar nicht (weil sie keine Copilot+ Hardware haben) oder sind deaktivierbar. Wer Datenschutz als zentrales Kriterium betrachtet, sollte die weiteren Entwicklungen bei Recall aufmerksam verfolgen.

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